Nonnen und Mönche

Wichtig in der modernen Welt

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Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 1 | 2021 von Buddhismus Aktuell veröffentlicht.

Ordinierte geben die Dharmalehren an zukünftige Generationen weiter. Sie sind als Menschen präsent und sichtbar, die ethische Regeln einhalten, sich in liebevoller Güte und Mitgefühl üben und als moralisches Gewissen der Gesellschaft dienen. Sie geben ein Beispiel dafür, wie man mit einem einfachen, umweltgerechten Lebensstil glücklich wird. Sie bauen Klöster und andere Einrichtungen auf, in denen Menschen den buddhistischen Lehren begegnen können, aber auch spirituelle Beratung und unterstützende spirituelle Freundschaften finden. Diese Orte dienen zudem als Aufbewahrungsstätten für Dharmatexte und wertvolle spirituelle Gegenstände.

Am Beispiel der Sravasti-Abtei, in der ich lebe und mit der ich besonders vertraut bin, möchte ich einige dieser Punkte veranschaulichen.

Die Lehren Buddhas weitergeben

Von Anfang an haben bhanakas – Ordinierte, deren Aufgabe es war, die Sutras zu sammeln und auswendig zu lernen – nicht nur die Texte ihrer Linie von einer Generation zur nächsten weitergegeben, sondern auch Ordinierte und Laienpraktizierende im Dharma unterrichtet. Nonnen und Ordinierte waren führend darin, die Schriften zu digitalisieren und so dazu beizutragen, dass Sutras und Kommentare weltweit studiert und übersetzt werden können.

Ordinierte reisen auch an Orte, an denen sich der Dharma noch nicht verbreitet hat. Einige von ihnen haben buddhistische Institute gegründet, um den Sangha zu unterrichten und an buddhistischen oder weltlichen Universitäten mit buddhistischen Studienabteilungen zu lehren. Viele Klöster und Tempel betreiben Webseiten, auf denen Video- und Audioaufnahmen von Lehren frei verfügbar sind. Das gibt dem Dharma eine zuvor nicht erzielte Reichweite.

Selbstverständlich hat es im Laufe der Jahrhunderte auch unter Laien hervorragende Lehrende und Praktizierende gegeben, die hohe Verwirklichungen und Erwachen erreichten. Hier möchte ich lediglich betonen, dass das Klosterleben die optimalen Umstände bietet, um die befreiende Botschaft des Buddha zu lernen, zu üben und zu lehren. Warum ist das so? Ordinierte haben mehr Zeit, sich dem Dharma zu widmen, weil sie nicht heiraten und keine Kinder haben. Der Tagesplan in einem Kloster ist ganz und gar auf das Studium und die Praxis des Dharma ausgerichtet.

Die sichtbare Präsenz ethisch lebender Menschen

In den Sutras gibt es viele Berichte über Menschen, die sich erstmals für die Lehren Buddhas interessierten und später zu seinen Anhängerinnen und Anhängern wurden, einfach weil sie die Demut und Würde im Verhalten der Anhängerinnen und Anhänger des Buddha miterleben konnten. In diesen schwierigen Zeiten fühlen die Menschen sich leicht entmutigt und geraten in Verzweiflung, doch wenn wir mit inspirierenden Menschen in Kontakt kommen, fühlen wir uns sicher, unser Geist wird emporgehoben und unser Herz freut sich. Wir fühlen uns entspannt und fragen uns, was der Schlüssel zu ihrer Freundlichkeit ist. All das zieht uns an, den Buddhadharma zu lernen.

Während einer Konferenz in Taipeh vor einigen Jahren lud die Meisterin viele ihrer Schülerinnen in ein Restaurant zum Essen ein. Wir kamen aus verschiedenen Hotels, stiegen aber an derselben U-Bahnstation aus. Plötzlich sah ich überall Bhiksunis – auf der Treppe, auf der Straße – und fühlte mich so glücklich und belebt darin, zu üben.

Wir Ordinierten sind an unseren Gewändern leicht zu erkennen. Deshalb ergeben sich auch oft unerwartete Möglichkeiten, anderen zu helfen. Zum Beispiel saß ich einmal in einem Flugzeug und ein Mann, der ein wenig beschwipst war, wollte mit mir sprechen. Er sah wohl, dass ich eine Art Geistliche war und sprach mit mir darüber, was er an seinem Leben alles bedauerte. Im Gegenzug erläuterte ich ihm einfache buddhistische Ideen, ohne buddhistischen Jargon zu verwenden, und so konnte er seinen Geist beruhigen. Ein anderes Mal wurde ein Transatlantikflug, den ich gebucht hatte, kurzfristig verschoben und dann abgesagt. Sämtliche Passagiere machten sich Sorgen, sie könnten ihre Anschlussflüge verpassen. Ich habe einfach getan, was ich tun musste, und Stunden später, als wir alle den neuen Flug endlich antreten konnten, kam eine Frau auf mich zu und sagte: „Sie waren die ganze Zeit so ruhig. Das zu sehen hat mir geholfen, mich zu entspannen.“

Das moralische Gewissen der Gesellschaft

In Politik, Finanzwelt, Industrie, Wirtschaft und Militär gibt es viele Akteure, die von psychischen Problemen wie Gier, Wut, Arroganz, Selbsttäuschung und Grausamkeit völlig besetzt sind. Doch für ein friedliches Zusammenleben der Menschen ist Vertrauen unerlässlich. Ethisches Verhalten – dessen Kern darin besteht, anderen nicht zu schaden – bildet das Rückgrat des Vertrauens. Geleitet von den Lehren Buddhas sind Ordinierte ein sichtbares Beispiel dafür, dass es Menschen geben kann, die ihr Bestes geben, um ethisches Handeln, Liebe und Mitgefühl für alle anderen zu kultivieren. Sie haben das Gelübde abgelegt, ihren Körper, ihre Sprache und ihren Geist bewusst zu trainieren, damit sie anderen nicht schaden. Bewusst kultivieren sie die vier unermesslichen Haltungen gegenüber allen Wesen: Gleichmut, Liebe, Mitgefühl und Freude.

Auf diese Weise stellen Ordinierte Fragen an die Gesellschaft und die Menschen. Wir legen Wert auf Ehrlichkeit, geteilte Ressourcen und geteilten Wohlstand, gegenseitigen Respekt und Gewaltfreiheit – tut ihr das auch? So unvollkommen Ordinierte auch sind, wir bemühen uns, unsere Einstellungen und unser Verhalten so zu trainieren, dass sie universellen Werten entsprechen. Ist das in eurem Leben auch wichtig? So egoistisch wir auch sind, wir versuchen, den Egozentrismus zu überwinden, der uns selbst und anderen nur Schaden zufügt – wie würde sich euer Leben verändern, wenn ihr euch auch darum bemühen würdet? Was hält euch auf?

Ordinierte meiden die Welt nicht, sondern versuchen, ihr mit Mitgefühl und Weisheit zu begegnen. Sie führen den Dialog mit den Wissenschaften und der Psychologie, nehmen an interreligiösen Dialogen teil und engagieren sich in ihrer Stadt ehrenamtlich in Gefängnissen, Hospizen, Tierheimen und Jugendzentren. Sie setzen sich auch für Menschenrechte ein, beispielsweise für die Gleichstellung der Geschlechter und die Überwindung des Rassismus.

Lebensstil als Vorbild

Unsere materialistische und konsumorientierte Gesellschaft misst den Erfolg von Menschen an ihrem Wohlstand, ihren ma teriellen Ressourcen, ihrem sozialen Status und ihrer Macht über andere. Der Sangha jedoch übt sich darin, solchen Dingen kein Interesse zu schenken. Wir lernen, glücklich damit zu sein, dass wir jeden Tag die gleiche Kleidung tragen, das uns angebotene Essen zu uns nehmen und in dem Raum leben, der uns zugewiesen wurde. Das zu lernen ist nicht einfach, aber es bewährt sich, weil unser Geist beweglicher wird und sich leichter zufriedenstellen lässt.

Wer Menschen sieht, die in dieser Weise gemeinschaftlich leben, stellt Vorurteile infrage und beginnt, eigene Werte und Prioritäten zu hinterfragen: Diese Leute sind glücklich, aber sie verfügen nicht über viele persönliche Besitztümer. Sie sind fröhlich, obwohl sie nicht die neuesten Geräte besitzen, keine Modekleidung tragen oder teure Autos fahren. Sind Konsum und Materialismus tatsächlich der Weg zum Glück?

Klimawandel, Umweltverschmutzung, Entwaldung, die gefährdete Biodiversität – meines Erachtens kann der Sangha der Ordinierten die Führung übernehmen, wenn es darum geht zu zeigen, wie wir in Harmonie mit der Welt um uns herum leben können. Wie können wir uns Anhängerinnen und Anhänger des Buddha nennen, wenn wir nicht versuchen, nach buddhistischen Werten und Prinzipien zu leben? Wir müssen aufhören, Einweggeschirr zu verwenden, auch wenn das Abwaschen von Geschirr bei Großveranstaltungen länger dauert. Wenn wir Einkäufe machen, sollten wir das mit einer einzigen Fahrt in die Stadt erledigen, weniger Benzin verbrauchen und so unseren CO2-Fußabdruck verringern. Wenn wir neue Fahrzeuge brauchen, sollten wir uns um Hybridfahrzeuge bemühen und zukünftig um elektrische, wenn wir uns das leisten können. In der Sravasti-Abtei versuchen wir, all das so weit wie möglich zu beherzigen, auch wenn es unpraktisch sein kann und einigen Sangha-Mitgliedern schwerfällt, sich daran zu gewöhnen. Wir recyceln alles, was recycelt werden kann, und das beeindruckt Laien, die sich bei uns aufhalten. Sie lernen, den Müll zu sortieren, Essensabfälle zu kompostieren, Behälter und Plastiktüten, die sie früher weggeworfen haben, wiederzuverwenden und Fahrgemeinschaften zu bilden.

Ein Ort für spirituelle Beratung und Freundschaft

Gemeinschaften von Ordinierten sind als Orte gut erkennbar. Wenn jemand eine persönliche oder spirituelle Krise hat und Beratung benötigt oder wenn eine Familie den Verlust eines geliebten Menschen erleiden muss, können sie sofort in ein Kloster oder einen Tempel gehen und dort Hilfe erhalten. Laienlehrende unterrichten und beraten auch, dennoch können Menschen nicht einfach zu ihnen laufen, wenn sie Dharmahilfe benötigen. Möglicherweise sind die Lehrerinnen und Lehrer zu Hause mit Familienaktivitäten beschäftigt oder sie schätzen es nicht, wenn jemand einfach in ihren persönlichen Bereich eintritt. Viele Laienlehrerinnen und -lehrer haben auch einen Beruf und sind nicht immer verfügbar. Dharmazentren sind meist nur geöffnet, wenn dort auch Aktivitäten stattfinden. Meist gibt es kein Vollzeitpersonal, das Beratung anbieten oder am Bett einer sterbenden Person Gebete sprechen könnte.

Frieden schaffen

Unser Leitsatz in der Sravasti-Abtei lautet „Frieden schaffen in einer chaotischen Welt“. Möge die vierfache Versammlung des Buddha – Nonnen, Mönche, weibliche und männliche Laienpraktizierende – zusammenarbeiten, um Frieden in unserer chaotischen Welt zu schaffen, indem sie die Regeln gut einhält, in Weisheit und Mitgefühl lebt und ihr Leben den drei Juwelen widmet.

Übersetzung von Susanne Billig

Zeige diesen Beitrag auf Englisch: Why monastics matter in the modern world

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