Vorbereitung auf die Ordination

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In dem Heft Vorbereitung auf die Ordination findet sich eine Reihe von Artikeln, zusammengestellt von der Ehrenwerten Thubten Chodron, die zur kostenlosen Verteilung gedacht sind.

Die Frage nach dem Protokoll für Sangha-Mitglieder in der tibetischen Tradition bringt viele heikle und gleichzeitig wichtige Themen zur Sprache. Von einem ordinierten Mitglied der Sangha wird erwartet, dass sie/er ein Vorbild an höflichem und edlem Verhalten ist. Aber wie sieht ein Rollenvorbild genau aus? Auf der einen Seite hat die westliche Kultur ihre eigenen Maßstäbe, was Höflichkeit und Etikette betrifft, die sich durchaus von den Gewohnheiten in Asien unterscheiden können. Auf der anderen Seite ist es jedoch auch nötig, wenn man ordiniert ist und die Robe der Entsagung trägt, dass man die buddhistische Tradition respektiert und sich entsprechend dem Rollenvorbild dieser Tradition verhält.

Es ist eine herausfordernde Aufgabe ein Vorbild zu sein, in die wir uns etappenweise vorarbeiten, je tiefgründiger unsere Praxis wird. Von Mitgliedern der Sangha wird erwartet ruhig, höflich und respektvoll zu sein, besonders in der Öffentlichkeit und in der Anwesenheit von Mönchen und Lehrern — was nicht immer einfach ist. Das heißt längst nicht, dass alle Mönche und Nonnen sich so verhalten oder, dass wenn wir tibetische Roben tragen, versuchen sollten, Tibeter zu werden. Die Gebräuche der einen Kultur sind nicht notwendigerweise besser als die einer anderen. Es hat hauptsächlich folgende Gründe: Durch das Verständnis und die Wahrung höflichen Verhaltens drücken wir unseren Respekt für die Tradition aus und fühlen uns dadurch wohl und glücklich. Wenn wir nichts über die Kultur wissen oder es uns egal ist, fühlen wir uns unbehaglich und unglücklich. Wir verletzen dann Leute, enttäuschen unsere Lehrer und fühlen uns als Mönch oder Nonne fehl am Platz.

Westliche Leute erhalten in der Regel wenig bis gar kein Training in Sachen Protokoll, wenn sie ordiniert werden, und das Lernen durch Versuch und Irrtum kann ein sehr entmutigender Prozess sein. Aufgrund von kulturellen und geschlechtsspezifischen Unterschieden ist es für westliche Nonnen und Mönche schwierig, intensiv mit qualifizierten Meistern der tibetischen Tradition auf einer alltäglichen Grundlage zu üben. Daher haben einige von uns die aus ihren Fehlern gelernt haben, gedacht, es wäre gut, diese Erfahrungen zu teilen, die wir über die Jahre hin gemacht haben. Die Verhaltensstandards, die hier beschrieben werden, stellen das Optimum dar und sind nicht unbedingt verpflichtend. Sie sind anwendbar in Bezug auf tibetische soziale und religiöse Situationen sowohl in Asien als auch im Westen. Vertrautheit mit diesen Normen hilft den Sangha-Mitgliedern die kulturelle Landschaft, in der sie jetzt leben, zu verstehen. Die gute Nachricht ist, dass viele dieser Empfehlungen auch helfen, sich in sozialen und klösterlichen Situationen anderer Kulturen zu bewegen.

Viele der Empfehlungen hier betreffen angemessene Kleidung, Haarlänge und Verhalten. Man könnte denken „Warum soll man sich so viele Gedanken über die äußere Erscheinung machen? Es geht doch um die Reinheit des Geistes.“ Es stimmt wohl, dass geistige Reinigung im Zentrum der buddhistischen Praxis steht. Gleichzeitig erkannten Buddha und seine frühen Anhänger aber auch den Wert der Disziplin von Körper, Sprache und Geist. Obwohl bestimmte Vinaya-Regeln und monastische Gewohnheiten so erscheinen, als hätten sie mit der spirituellen Praxis nichts zu tun, so geben sie doch Richtlinien für das Training der Achtsamkeit und bewussten Wahrnehmung jeder Handlung vor. Nonnen und Mönche, die kultiviert, sanftmütig, ruhig und gelassen sind, inspirieren andere, zu praktizieren. Mönche und Nonnen, die sich unpassend verhalten, können andere dazu bringen, das Vertrauen zu verlieren oder die Tradition zu kritisieren. Verhaltensregeln variieren je nach Ort und Zeit, aber Nonnen und Mönche tun gut daran, sich um ein hohes Niveau zu bemühen und sich darin zu üben, bis es ganz natürlich ist. Wie Zopa Rinpoche sagt: „Welchen Sinn hat es, ein schlechter Mönch zu sein?“

Ordenskleidung

Die buddhistische Robe ist ein unverwechselbares Markenzeichen einer buddhistischen Nonne oder eines Mönches. Die Roben variieren je nach Kultur in Design und Farbe. Sie spiegeln die Anpassung an klimatische und soziale Bedingungen über die Jahrhunderte wieder. In der tibetischen Tradition bestehen die Roben für Nonnen und Mönche aus: Einer rötlich braunen Unterrobe (Shamtab), einem rötlich braunen Umschlagtuch (Zen), einer rötlich braunen Weste (Donka), und einer gelben Robe (dem Chogu), welche bei besonderen Anlässen getragen wird. Ein Unterrock (Meyog) und ein Hemd (Ngullen) werden darunter getragen. Gelb, orange, rot oder rötlich braun sind die geläufigsten Farben für den Unterrock und das Hemd. Ein gelber Gürtel (Kerag) hält die Unterrobe (Shamtab) um die Hüfte herum zusammen. Gewöhnlich ist dies ein schlichter Streifen Stoff, aber es gibt auch andere Variationen. Mönche und Nonnen, die voll ordiniert sind, tragen eine Shamtab, bei dem fünf Stoffstreifen nach einem bestimmten Schnittmuster genäht werden und sie haben eine zweite gelbe Robe (Namcha) aus 25 Stoffstücken, die bei besonderen Anlässen getragen wird. Unterwäsche, einschließlich eines Unterhemdes oder ähnliche Unterwäsche für Nonnen, wird empfohlen. Besonders im Schneidersitz sollte man darauf achten, peinliche Zurschaustellung zu vermeiden.

Shamtab, Zen und Donka werden vom Aufwachen am Morgen bis zum Schlafengehen am Abend getragen, sogar wenn man zur Toilette geht. Die Robe sollte zu jeder Zeit ordentlich getragen werden und sauber und gepflegt sein. Auch wenn es im Vinaya nicht genau angegeben ist, hat man ein weiteres Set dieser drei Dinge sowie Hemd und Unterrock, um diese zu tragen, wenn die anderen gewaschen werden. Bei sehr heißem Wetter wird das Hemd gelegentlich auch ohne Donka (Weste) getragen. In der tibetischen Tradition sind Ärmel, Hüte, Halstücher und Hosen nicht angemessen. Wenn man zu Unterweisungen, Zeremonien geht oder seinen Lehrer trifft, achtet man besonders auf angemessene Kleidung. Wenn man aufgrund kalten Wetters in einer informellen Situation einen Pullover trägt, sollte dieser einfach sein, ohne Verzierung, einfarbig und in einer der üblichen Farben, wie gelb oder rotbraun. Schuhe werden außerhalb des Klosters getragen und grundsätzlich beim Betreten des Tempels ausgezogen. Innerhalb des Klosters dürfen Sandalen getragen werden. In China, Korea, Taiwan und Vietnam werden keine Lederschuhe getragen. In der tibetischen Tradition gibt es ein solches Verbot nicht. Anders als in den Theravada Ländern werden bei formellen Anlässen geschlossene Schuhe Sandalen bevorzugt. Schuhe sollten braun (niemals schwarz oder weiß) und schlicht sein.

Den Kopf rasieren

Ein rasierter Kopf ist das andere unverwechselbare Zeichen einer buddhistischen Nonne oder eines Mönches. Ebenso wie die Robe symbolisiert dies Entsagung. Gemäß dem Vinaya darf das Haar bis zu zwei Fingerbreit lang sein, gewöhnlich aber wird es einmal im Monat rasiert oder geschoren. Es ist nicht angemessen, dass jemand des anderen Geschlechts einem den Kopf rasiert, da es Körperkontakt bedeutet, der nicht erlaubt ist. Es ist eine gute Lösung, selbst zu lernen, wie man seinen Kopf mit einem elektrischen Haarschneider oder Rasierer rasiert.

Sitzen, Stehen und Gehen

Äußerliches Verhalten spiegelt die geistige Haltung wider. Daher kultivieren Nonnen und Mönche ein edles Verhalten und achten auf ihre Körpersprache wenn sie sitzen, gehen oder stehen. Wenn man auf einem Stuhl oder einem Sofa sitzt, kreuzt man weder die Beine noch die Fußgelenke. Die Hände liegen ruhig auf dem Schoß. Sich in der Öffentlichkeit hinzulegen, sich zu strecken, herumzuschauen, zu rennen oder wild zu gestikulieren, gilt als unhöflich. Wenn ein Lehrer oder ein Dienstälterer den Raum betritt, steht man auf und bleibt ruhig und respektvoll stehen bis einem angewiesen wird, sich zu setzen oder bis der andere sich hinsetzt.

Wenn man geht, sind Körper und Geist ruhig und kontrolliert. Es ist nicht angemessen mit dem Blick umherzustreifen; man hält die Augen auf einen Punkt gerichtet, der etwa einen Meter vor einem liegt. Wenn man an seinem Lehrer oder an Bekannten vorbeigeht, genügt eine kurze Begrüßung oder ein leichtes Lächeln. In asiatischen Kulturen ist es für Nonnen und Mönche nicht angemessen, auf der Straße stehen zu bleiben und sich zu unterhalten, besonders nicht mit jemandem des anderen Geschlechts. Wenn eine Nachricht übermittelt werden muss, sollte man einen angemessenen Ort, der nicht verborgen, aber dennoch jenseits der Öffentlichkeit ist, finden, um kurz zu sprechen.

Nonnen und Mönche tragen draußen so wenig wie möglich mit sich. Sie sollten ein Minimum an Besitz haben, eine Schultertasche sollte also ausreichen. Besonders wenn man zu Unterweisungen geht, trägt man seinen Chogu, den Text, eine Tasse, ein Kissen und wenig anderes mit sich. Es wird als ein wenig anmaßend angesehen eine Mala zu tragen und laut Mantras zu rezitieren, während man auf der Straße herumläuft. Geheime Mantras sollten geheim bleiben. Das gilt genauso für das Sprechen von Gebeten, Rituale, oder auffälliges Meditieren in der Öffentlichkeit.

In asiatischen Kulturen ist es für Nonnen und Mönche nicht angemessen, lange in Cafés oder Restaurants zu sitzen und zu reden. Das gilt eher als Verhalten von Laienpraktizierenden. Wenn man zum Mittagessen eingeladen wird, sollte man aus Höflichkeit eine angemessene Menge in einer angemessenen Zeit essen und dann zum Kloster zurückkehren. Es ist nicht angebracht, alleine mit jemandem des anderen Geschlechts Mittagessen zu gehen. Selbst wenn man das Kloster nur für kurze Zeit verlässt, sollte der Lehrmeister informiert und dessen Erlaubnis eingeholt worden sein. Am besten ist es, in Begleitung zu gehen. Nonnen und Mönche sollten vor Einbruch der Dunkelheit sicher im Kloster zurück sein und danach nicht rausgehen.

Auf Pilgerreise oder von Ort zu Ort ist es für Nonnen und Mönche am besten gemeinsam zu reisen und in Tempeln oder Klöstern unterzukommen. Es ist nicht erlaubt, über Nacht mit jemandem des anderen Geschlechts im selben Raum zu sein. Es ist besonders wichtig, gute Disziplin zu bewahren, wenn man in einem Haushalt, einem Hotel oder einer Pension wohnt. Filme zu schauen und Partys sollte man meiden. Beim Aufenthalt in einem Kloster sollte man den dortigen Regeln und dem Zeitplan folgen und das essen, was serviert wird.

Bei Unterweisungen oder zeremoniellen Situationen sitzen Mönche und Nonnen als Zeichen des Respekts vorne, nicht jedoch aus Stolz. Es ist angemessen, ruhig und bescheiden einen Sitzplatz entsprechend der Zugehörigkeit einzunehmen, wobei, wenn möglich, etwas Abstand zwischen Mönchen und Nonnen eingehalten werden sollte. Ganz vorne hingesetzt zu werden bringt die Verantwortung mit sich, ruhig zu sitzen und aufmerksam zuzuhören, um den anderen ein gutes Vorbild zu sein. Wenn man von einem Lama Segnungen erhält oder ein Kata offeriert, werden gewöhnlich die Mönche und Nonnen gebeten, zuerst zu gehen, das heißt in der Reihenfolge ihrer Zugehörigkeit. In buddhistischen Kreisen gehen Mönche vor den Nonnen.

Sprache

Ebenso wie das äußere Verhalten spiegelt die Sprache die eigene Geisteshaltung wider. Daher sollten Nonnen und Mönche auf eine angemessene Weise zur passenden Zeit und nicht zu viel sprechen. Die geeignete Rede beinhaltet Themen, die Bezug zum Dharma haben; weltliche Themen sollten vermieden werden. Der Klang der Stimme sollte sanft sein, weder zu leise noch zu laut. Lautes Reden oder Lachen gilt als unangemessen, besonders an öffentlichen Plätzen, in der Gegenwart von Lehrern oder Dienstälteren.

Höfliche Worte der Anrede sind in menschlichen Beziehungen wichtig. Ein anerkannter reinkarnierter Lama ist ein Rinpoche, ein Lehrer heißt Genla, ein gewöhnlicher Mönch heißt Gushola, eine normale Nonne Chola. Genla und Ajala sind gewöhnlich passende höfliche Begriffe um erwachsene Männer und Frauen in der tibetischen Gesellschaft anzusprechen. Pala und Amala werden für ältere Männer und Frauen gebraucht. Wenn man den Vornamen einer Person mit einem Zusatz wie der Nachsilbe „-la“ versieht, z. B. Tashi-la oder Pema-la, so ist dies eine höflichere Variante. Bei einem Rinpoche oder Lama ist dies überflüssig, diese Begriffe sind bereits höflich.

Soziale Umgangsformen

In westlichen Kulturen ist das Händeschütteln eine höfliche Form der Begrüßung, aber für Nonnen und Mönche kann das problematisch sein. In asiatischen Kulturen wird Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht vermieden, sogar Umarmungen mit der Mutter oder dem Vater. Seine Heiligkeit der Dalai Lama empfiehlt Händeschütteln dann, wenn das Gegenüber einem seine Hand entgegenhält, aber nicht, selbst die Hand zuerst auszustrecken. Mit einer freundlichen Haltung kann man peinliche Momente oft meistern. Man braucht etwas Übung sich in sozialen und interkulturellen Situationen wohlzufühlen, andere nicht zu beleidigen und dennoch die Integrität seiner Rolle als Nonne oder Mönch beizubehalten.

Englische Version: Protocol for sangha in the Tibetan tradition

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