Seine Heiligkeit der Dalai Lama beantwortet Fragen

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In dem Heft Vorbereitung auf die Ordination findet sich eine Reihe von Artikeln, zusammengestellt von der Ehrenwerten Thubten Chodron, die zur kostenlosen Verteilung gedacht sind.

Frage: Als Buddha zu Beginn Menschen ordinierte, die Mönche oder Nonnen sein wollten, gab es noch keine Regeln. Die Regeln wurden erst später nach und nach eingeführt, als einige Mönche und Nonnen anfingen, sich unpassend zu verhalten. Demnach muss es für den Buddha im Bezug auf das Kosterleben eine tiefere Bedeutung oder einen tieferen Sinn gegeben haben, welcher über das Einhalten von Regeln hinausgeht. Bitte sprechen Sie über den tieferen Sinn oder die tiefere Bedeutung ein Mönch zu sein.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama (SHDL): Zunächst einmal gibt es einen Sinn auf der persönlichen Ebene, Mönch oder Nonne zu sein. Buddha selbst war ein Beispiel dafür. Er war ein Prinz eines kleinen Königreichs und er hat all dem entsagt. Warum? Wenn er in dem Königreich bleibt mit all den Aktivitäten, die ein solcher Besitz mit sich bringt, dann verpflichten ihn diese bloßen Umstände regelrecht zur Anhaftung, bestärken ihn in seinem Verlangen und auch zu grobem Verhalten. Dies ist hinderlich für das Praktizieren. Wenn man eine Familie hat und selbst wenn man zufrieden ist, so muss man sich dennoch um die Familie kümmern. Das bedeutet, man muss an mehr weltlichen Aktivitäten teilnehmen. Die Vorteile, Mönch oder Nonne zu sein liegen darin, dass man nicht in zu vielen weltlichen Verpflichtungen oder Aktivitäten verstrickt ist. Wenn man, nachdem man Mönch oder Nonne geworden ist, mitfühlend denkt und auch ehrlich gemeintes Mitgefühl und Fürsorge für alle fühlenden Wesen entwickeln kann — oder wenigstens für diejenigen in seinem direkten Umkreis — so ist dies sehr gut um gutes Karma anzusammeln. Wenn man auf der anderen Seite eine eigene Familie hat, dann hat man auch entsprechende Sorge um die Familie und den Wunsch ihr etwas im Gegenzug dafür zurückzugeben, was diese alles für einen getan hat.

Vielleicht gibt es einige Ausnahmefälle, aber allgemein gesprochen ist diese Belastung eine wirkliche Last, und der Schmerz ist echter Schmerz. Damit gibt es wenig Hoffnung gutes Karma anzusammeln, da die Aktivitäten auf Anhaftung basieren. Daher ist es sehr förderlich für das Praktizieren des Buddhadharma, wenn man Mönch oder Nonne wird und keine Familie hat, da das grundsätzliche Ziel der Dharmapraxis das Erreichen von Nirvana ist und nicht nur das Erleben vergänglicher Glücksmomente. Als Ordinierte streben wir danach, Nirvana zu erreichen, also die permanente Beendigung des samsarischen Leidens. Wir wollen uns von dem Samen bzw. den Ursachen, welche uns an den samsarischen Kreislauf binden, befreien. Die Hauptursache dafür liegt hierbei in unserer Anhaftung. Daher ist der Hauptzweck, Mönch oder Nonne zu sein genau diese Anhaftung zu reduzieren: Wir arbeiten daran, nicht mehr unsere Familie als Zufluchtsort zu sehen, nicht mehr länger Verlangen nach sexuellem Vergnügen zu haben und nicht mehr länger an anderen weltlichen Dingen zu hängen. Das ist der Hauptzweck. Das ist der Zweck auf der persönlichen Ebene.

Frage: Bitte sprechen Sie über den Vorteil der höheren Ordination eines Bhikshu oder einer Bhikshuni. Warum haben Sie sich dafür entschieden lieber ein Bhikshu zu werden als ein Sramanera zu bleiben? Was ist der beste Weg um sich für die Ordination eines Bhikshu oder einer Bhikshuni vorzubereiten?

SHDL: Im Allgemeinen ist es in unserer Tradition so, dass mit der höheren Ordination all die rechtschaffenen Handlungen einen größeren Effekt haben, dementsprechend stärker sind, also wirkungsvoller werden. Ähnlich sind auch die negativen Handlungen wirkungsvoller [er lacht], aber gewöhnlich tendieren wir dazu, mehr die positiven Aspekte zu sehen. Die Unterweisungen des Bodhisattva-Fahrzeugs und des Tantra-Fahrzeugs, zum Beispiel Kalachakra, drücken große Wertschätzung für die Gelübde eines Bhikshu aus. Wir empfinden es als eine außerordentliche Gelegenheit, diese höhere Ordination zu empfangen. Ein Bhikshu oder eine Bhikshuni hat mehr Regeln.

Wenn man diese Punkt für Punkt genau betrachtet, mag man denken, dass es zu viele Regeln gibt. Aber wenn man sich den Grund dafür anschaut, der darin liegt, das Verlangen und negative Emotionen zu reduzieren, dann machen diese Regeln schon Sinn. Um unsere negativen Emotionen zu reduzieren, betont das Vinaya mehr unsere Handlungen. Es enthält sehr detaillierte und genaue Regeln in Bezug auf körperliche und verbale Handlungen. Die höheren Gelübde — die Bodhisattva Gelübde sowie die Tantrischen Gelübde — betonen hingegen mehr die Motivation. Wenn man sich die Regeln eines Bhikshu und einer Bhikshuni genau anschaut, wird man ein besseres Verständnis für ihren Sinn entwickeln. Generell werden die praktizierenden Buddhisten, die wirklich entschlossen sind, dieser Praxis gemäß Buddhas Anleitung zu folgen Sramanera/Sramanerika, und dann Bhikshu/Bhikshuni. Danach nehmen sie die Bodhisattva Gelübde und schließlich die Tantrischen Gelübde. Ich denke, dass die richtige Vorbereitung für einen angehenden Bhikshu oder eine angehende Bhikshuni nicht das Studieren des Vinaya, sondern eher die Meditation in Bezug auf unsere Situation im samsarischen Kreislauf von immer wiederkehrender Geburt, Tod und Wiedergeburt ist. Zum Beispiel gibt es das Gelübde des Zölibats. Wenn man lediglich denkt, „Sex ist nicht gut. Buddha hat es verboten, also darf ich es nicht tun.“, dann ist es sehr schwer, das Verlangen zu kontrollieren. Wenn man auf der anderen Seite an den eigentlichen Zweck, den tieferen Sinn hinter dieser Regel denkt, nämlich Nirvana erreichen zu wollen, dann wird man den Grund für diese Regel verstehen und es wird leichter, ihr zu folgen. Wenn man mehr analytische Meditation in Bezug auf die Vier Edlen Wahrheiten praktiziert, wird man erkennen, dass die ersten beiden Wahrheiten diejenigen sind, die es zu überwinden gilt und, dass es das Ziel ist, die letzten beiden in seinem eigenem Bewusstsein zu realisieren. Wenn man selbst analysiert hat, ob die störenden Emotionen, welche die Ursache allen Leidens sind, eliminiert werden können, wird man aufgrund von eigenen Erkenntnissen das Vertrauen entwickeln, dass dies möglich ist. Man wird klar erkennen, dass es eine Alternative gibt. In diesem Moment bekommt die gesamte Praxis eine Bedeutung. Andernfalls werden einem die Regeln wie eine Bestrafung vorkommen. Wenn man analytische Meditation praktiziert, wird man schließlich zu der Erkenntnis gelangen, dass es einen systematischen Weg zur Reduzierung der störenden Emotionen gibt. Mit dem Ziel des Nirvana, der vollständigen Befreiung aller störenden Emotionen, im Herzen wird man sehr bemüht sein zu praktizieren. Das Betrachten und Nachdenken ist die hauptsächliche Vorbereitung auf die Ordination. Des Weiteren sollte man die Vier Edlen Wahrheiten studieren und sie durch analytische Meditation genau untersuchen und prüfen. Sobald man ein ernsthaftes Interesse für Nirvana entwickelt hat und fühlt, dass es tatsächlich möglich ist, diesen Zustand der Befreiung zu erreichen, wird man in seinem Herzen wissen, dass das sein Ziel ist, seine Bestimmung.

Die nächste Frage ist, „Wie kann ich störende Emotionen Schritt für Schritt auf der emotionalen Ebene und auf der praktischen Ebene reduzieren?“ Man wird mit der Zeit ein Upasaka, ein vollkommener Upasaka, ein Upasaka mit Zölibat, ein Sramanera und ein Bhikshu. Bei den Frauen ist man zunächst eine Upasika, dann Sramanerika, Shiksamana und schließlich Bhikshuni. Schritt für Schritt die verschiedenen Stufen der Gelübde zu empfangen, ist gleichbedeutend damit, die Stufen zur Befreiung hinauf zu steigen.

Frage: Gibt es eine andere Art und Weise für jemanden Vinaya zu praktizieren, der in der Vajrayana Tradition ist? Wie integrieren wir das Studieren und das Praktizieren des Vinaya mit dem Studieren und Praktizieren des Tantra?

SHDL: Entsprechend unserer Tradition sind wir Mönche und leben zölibatär, praktizieren jedoch gleichzeitig Tantrayana. Allerdings praktizieren wir es lediglich durch Visualisierung. Zum Beispiel visualisieren wir zwar die Gefährtin, berühren sie jedoch niemals. Wir setzen das in der tatsächlichen Praxis nicht um.

Bevor wir nicht eine Stufe erreicht haben, bei der wir die Fähigkeit, all unsere Energie zu kontrollieren, vollständig entwickelt haben und das korrekte Verständnis von Shunyata (Leerheit, Realität) erlangt haben, bevor wir also nicht wirklich alle Fähigkeiten besitzen, durch die die störenden Emotionen in positive Energie transformiert werden können, setzen wir niemals die Praxis mit einer tatsächlichen Gefährtin um. Obwohl wir all die höheren Techniken praktizieren, folgen wir, soweit es die Umsetzung betrifft, dem Vinaya und niemals dem Tantrayana. Wir können auch kein Blut trinken!! [Alle lachen]. Was die Praxis selbst betrifft, so müssen wir der strengeren Disziplin des Vinaya folgen. Im alten Indien war einer der Gründe für die Degeneration des Buddhadharma die falsche Durchführung von bestimmten tantrischen Praktiken.

Frage: Ist es schwierig, dem Vinaya heutzutage wortgetreu in allen Situationen zu folgen? Können Anpassungen in Bezug darauf gemacht werden wie wir es leben?

SHDL: Natürlich müssen wir uns jegliche Mühe geben den Unterweisungen und Regeln des Vinaya zu folgen. In bestimmten Fällen, wenn es ausreichend Gründe gibt, gewisse Anpassungen vorzunehmen, ist dies möglich. Allerding sollten wir diese Anpassungen nicht zu leicht vornehmen. Zunächst sollten wir den Vorzug dem Folgen der Regeln geben und zwar so wie sie im Vinaya geschrieben stehen. In Fällen, wo es genug vernünftige Gründe für eine Anpassung gibt, ist dies möglich.

Frage: Was ist der Ursprung der Freude im Herzen? Wie behalten wir ein Gefühl der Freude bei? Wie gehen wir mit Zweifeln, die aufkommen und mit Unsicherheit um?

SHDL: Sobald sie als ein Praktizierender ein paar innere Erfahrungen als Resultat ihrer spirituellen Praxis haben, erfüllt es sie mit einer tiefen Zufriedenheit, einem Gefühl des Glücks und der Freude. Es gibt ihnen Zuversicht. Ich denke, das ist der Ursprung des Glücks. Dies erreicht man durch Meditation. Die effektivste Methode für Ihren Geist ist analytische Meditation. Aber ohne entsprechendes Wissen und Verständnis ist es schwierig zu meditieren. Man hat keine Grundlage und weiß nicht wie man meditieren soll. Um in der Lage zu sein, analytische Meditation effektiv zu praktizieren, sollte man Wissen über die gesamte Struktur des Buddhismus haben. Daher ist das Studieren wichtig; es macht einen großen Unterschied in der Meditation. Aber manchmal betont man in unseren tibetischen Klöstern zu sehr die intellektuelle Seite und vernachlässigt die Praktische. Als Resultat sind einige Leute zwar großartige Schüler, aber sobald ihre Vorlesungen zu Ende sind, sieht man ihr wahres Gesicht. Warum ist das so? Intellektuell gesehen sind sie großartige Schüler, aber der Dharma ist nicht in ihrem Herzen. Sobald man persönlich den unschätzbaren Wert als Resultat seines Praktizierens erlebt, ist es egal, was andere Leute tun oder sagen, denn das eigene Glück wird davon nicht abhängen, da man nämlich durch eigene Erfahrung zu der Überzeugung gelangt ist, „Ja, auch ich habe das Potenzial in mir.“ Buddha hat es sehr deutlich gemacht. Direkt am Anfang hat er gesagt, dass es äußerst wichtig ist, dass jeder für sich die Entscheidung trifft und sich beim Praktizieren wirklich bemüht.

Englische Version: H. H. the Dalai Lama answers questions

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